Hermetisch. Bedrohend. Betörend. Sabotierte Schönheit, bitter leuchtend.
Die Bilder Alexandra Sonntags.
Hermetical, threatening, captivating. Sabotaged beauty, bitterly radiant.
The paintings of Alexandra Sonntag.
Christoph Höhtker, 20.01.2014

Wonderland
Like Alice in Wonderland – Wonderland is also the title of one of the artist´s drawings - I´m being absorbed into a tunnel while watching the drawings of Alexandra Sonntag and I find myself in a surreal world full of secrets until I finally reach daylight again. Strange characters - part of obscure landscapes I have never seen before - cross my way, everything seems to be strange, unknown. But at the same time, deep down in my consciousness, I am aware of a disquiet familiarity. I cannot insist on the word danger with all these unknown figures around me, but evidently the drawings don´t allow me to stay just the shortest of moments in a secure and well known area. Why exactly this hazy notion of threat is running around me I´m not able to designate, in fact. But one thing´s for certain: there will be no way out, no shelter. Some drawings remind me of archetypical dreams, in which the rooms appear big and small, loud and quiet at the same time, opposites seem to melt like it is a natural course of events.
Sonntag´s pictures do not deal with decoration or any kind of sweet pretty look and they set us free of any emotional habitus. Quite frankly, I would not want to change places with any of the mostly female characters in the pictures´ landscapes even though I cannot take away my eyes from the scene, trying to watch as precisely as possible what is going on.
Alexandra Sonntag masterly presides over the decompostion of good and bad, beauty and ugliness. A nuclear mushroom appears next to the wonderful japanese cherry blossom called Sakura. Divorce is abolished. I´m looking forward to a solution to these absolutely open situations, but I´m afraid not to find any. So I advise you better not to dive into these deep landscapes on your own and you should better not leave the path, the seduction of sirencalls will lead you into hidden areas you should better avoid, and no one knows wether you´d find your way out or not. In the end, I raise my hat to the evidence of this impressing idea of all is one, of an absolute coincidence concerning the manifestation of what exists.

Marie-Pascale Gräbener, March 2013

Scheitern ist eigentlich kein Thema. Olav Christopher Jensen im MARTa Herford am 07.11.2012

Nachtschattengewächse
Seltsame Dinge geschehen - bei Alexandra Sonntag regelmäßig. Ihre künstlerische Entwicklung, wenn man möchte, ‚phylo-‘ wie ‚ontogenetisch‘, verläuft gegen den Strich, als Wendung von einer (nie vollständigen) Abstraktion zur Figuration; von der Sturm & Drang-Phase wüst-kolossaler Ölgemälde der Jahrtausendwende über die Serie von Frauen in dunklen Räumen des letzten Jahres bis hin zu den rezenten dunklen dunklen DUNKLEN grafischen Arbeiten. Ich sagte es schon mal , doch wiederhole es gern: Sonntag erarbeitet sich ihre Sujets und Werkreihen; nichts läge ihr ferner denn der werkstattfabrikmäßige Output verschiedener Motive im immergleichen Stil/Muster (Meyer 2009: 12). Es ist die Zeichnung, Grafik, die momentan im Fokus des Sonntagschen Interesses steht, und typischerweise muss auch hier ausprobiert werden; altmodischer Kohlestift, ungesundes Oxid, Schraffurgitter mit hartem Bleistift drübergelegt, letztlich noch die Pinselzeichnung, einige Aquarelltupfer, gern auch alles in Kombination. Dass insofern Risiko impliziert ist, ja geradezu gesucht wird, Gelingen nicht garantiert werden kann, liegt auf der Hand. Auf dem Tisch hingegen liegt gerade Willi Baumeister, daher treffend zur Realisation: „Wie der Schmied, der zuerst einige Male leer daneben schlägt, um seines eigenen Rhythmus gewärtig zu sein, läßt er [der Künstler, I.M.] langsam seine Empfindungen am Widerstand des Materials sich entwickeln“ (1960: 173). Die These sei gewagt, dass sich Sonntag seit geraumer Weile mimetisch verhält, allerdings nicht im Sinne einer gräulichen und logisch kaum überzeugenden Abbild- oder Handlungstheorie aristotelischer Provenienz, die seit Jahrhunderten nur zu Verwirrungen führte, sondern eher adornesk, denn nicht nur notierte Adorno epistemisch einigermaßen verblüffend „das untilgbare Moment von Mimesis in aller Erkenntnis“ (1975: 153), sondern ästhetisch in der wohl bündigsten, gleichwohl paradoxen Passage: „Fortlebende Mimesis, die nichtbegriffliche Affinität des subjektiv Hervorgebrachten zu seinem Anderen, nicht Gesetzten, bestimmt Kunst als eine Gestalt der Erkenntnis, und insofern ihrerseits als ,rational‘. Denn worauf das mimetische Verhalten anspricht, ist das Telos der Erkenntnis, das sie durch ihre eigenen Kategorien zugleich blockiert. Kunst komplettiert Erkenntnis um das von ihr Ausgeschlossene und beeinträchtigt dadurch wiederum den Erkenntnisprozeß“ (Adorno 1973: 86f.). Die conditio sine qua non formuliert ein weiteres Dekret: „Kunst ist mimetisches Verhalten, das zu seiner Objektivation über die fortgeschrittenste Rationalität – als Beherrschung von Material und Verfahrensweisen – verfügt“ (ebd.: 429). Freilich, dass Sonntag ihr(e) Handwerk(e) nicht beherrschte, hat m.W. noch niemand behauptet. Unübersehbar aber tendiert das Mimetische bei ihr zum Phantasma, insofern mustergültig die These illustrierend, dass die Spezifik des Bildes Ausblick auf eine „physikfreie Wirklichkeit“ (Wiesing 2006: 7; 69f.) gebe. In der Tat, das Licht, das auf Ereignishorizont, dem Coverbild, in die Palmenallee bricht, gibt es so nicht, nur in Roland Emmerichs fragwürdig patriotischem Spektakel Independence Day (1996) - wenn die Aliens kommen. Ste. Sebastienne. Gegen das, was Sonntag unter dem auch bei Louise Bourgois begegnenden Titel anstellt, nimmt sich die Arbeit der grotesk überschätzten Galionsfigur einer dezidiert weiblichen Kunst wie ein jämmerliches Kinderbildchen aus: Feminisierung des christlichen Märtyrers, verdüsterter Piranesi, die Pfeile als brutale Zentralperspektive hingefoltert, etwas Gekreuzigtes steht auf dem Kopf; Flauberts Karthago, Albtraum, alles tut weh, der Bahnhof von Perpignan, Dalís Gelächter, the nightmare inside a nightmare. Alexandra, Alexandra – ziemlich geil.

Gewiss, „Botschaft in der Malerei kann eigentlich nicht funktionieren“ (Grasskamp 2008: 16), das weiss auch Sonntag, und doch muss man versuchen, sich Kontur und Sinn ihrer neueren Arbeiten de- und askriptiv zu nähern. Gleich mit dem konsequentesten, Bild ohne Motiv: Rauschen bietet in der Tradition des späten Monet, Seurat, Tobey und Pollock reine visuelle Oszillation – Gottfried Boehm betonte angesichts deren Bilder die Erfahrung des geneigten Betrachters, der alsbald gewahr werde, „dass dieser Art von fliessender Komplexität eine auf die logischen Mittel der Identifikation angewiesene Sprache nicht gewachsen ist“ (2007: 206). So ist es, weshalb ich nur emblematisch reagieren kann, Martin Seel notierte in der Kunstentwicklung der letzten Jahre eine vermehrtes Setzen auf ästhetisches Rauschen als „Geschehen ohne Geschehendes“ (2000: 230), wohin immer das führen mag. Einige Worte noch über intrikate Perspektive und rätselhaften Detaillismus. Man betrachte die Verkündigung, nicht unbedingt mein Favorit. Doch wohl ein Kommunikationsverhältnis? Eine vorsichtig hingehauchte Engelsfigur müht sich, mit einem anderen, in einer seltsam plasmatischen Blase situierten ätherischen Wesen Kontakt aufzunehmen; es scheint nicht zu gelingen, ein rötlich-gezacktes Etwas von unregelmäßiger Kontur droht dies zu vereiteln – oder anzubahnen, reines Pneuma? Bemerkenswert dann, dass sich in den Lichtungen und Landschaften erst auf den zweiten oder dritten Blick zumeist Silhouetten von, man möchte sagen, Figürlein finden, während die Pinselzeichnungen das Zwillingsmotiv von 2008 wiederaufnehmen und weitertreiben; Sonntags Weg, Werkkontinuität zu setzen. Die einzig farbige Landschaft erinnert mich ein wenig an Cézannes Auvers, vue panoramique (1874) in leichter Draufsicht, aber, wie Sonntag gelegentlich zu sagen pflegt, „an irgendwas wird man ja immer erinnert.“ Hier wird qua Farbmodulation und Linienführung eine (offenbar kultivierte, bebaute) Landschaft lediglich alludiert, anempfunden, und es spricht für die Sicherheit von Sonntags Zugriff und gewonnene Einschätzung der eigenen Arbeiten, die bis vor kurzem zumeist noch O.T. hießen, dass man diese Allusion widerstandslos mitvollzieht. Widerstandslos? Nicht ganz. Die Guckkastenperspektive, mit der Sonntag ohnehin gern herumspielt (Meyer 2009: 4) - man beachte die Grotte, auch das Tattoo, auf dem einiges zu entdecken ist -, wird von seltsam stachel- oder blitzartigen Formationen gesäumt, aggressiven Mustern jedenfalls. Aufgeplatzte Kastanienschale, die die Frucht verbirgt? Stechapfel, also Nachtschattengewächs, uraltes Rauschmittel? Tatsächlich aber, so war zu erfahren, führt Sonntag dieses ‚Ornament‘ auf die Comic-Ästhetik (Explosionen, ‚Geistesblitze‘ etc.) zurück. Die Landschaft mit den pilzartigen Formen dann, die es auch als Ölbild gibt, scheint eher wie eine Kolonie stattlicher Kahlköpfe, im Volksmund Psylos genannt (Psylocybe azurescensis), die einen ganz ordentlichen Rausch verschaffen (allerdings kenne ich kaum jemand nüchterneren denn Sonntag); Ohne Titel als Variation davon, mit den zwei rückwärtigen Fünfer-Mädchengruppen, die offenkundig nicht gespiegelt, weil doch different konfiguriert sind – Posen aus dem Science Fiction-Film, sobald die Außerirdischen tatsächlich landen, Verstummen ob des Numinosen, Frau im Lichtkegel, Frau in Landschaft, ein Etwas kündigt sich an oder dräut atmosphärisch über der Szene, ohne dass ernsthaft zu sagen wäre, was hier vor sich geht. „Die autonome Kunst gestaltet allein noch etwas, was ihr selbst wie auch dem Betrachter ein real Unbekanntes und Unverständliches bleibt, aber gerade dadurch als ein solches bezeugt wird“ (Hogrebe 2000: 224). Mich z.B. lassen die Pinselzeichnungen durchaus ratlos, und die soeben referierte Ansicht ist nicht gar zu weit entfernt von Baumeisters wünschelrutengängerischem „Künstler als Membran einer Allgemeinheit“ (1960: 173), auch wenn Sonntag dessen messianischen Impetus gewiss ablehnte und sich um den ‚gesellschaftlichen Gehalt‘ ihrer Bilder m.W. wenig schert.

Verkündigung, Lichtung, Lichtkegel, vom Rauschen zum Rausch: Man sieht, Sonntags letzte Arbeiten umkreisen, wie bewusst auch immer, eine Metapher für Entgrenzung und Transgression, die Semantisierungsbewegung verläuft vom dinglich-visuell gesicherten Icon ‚hoch‘ ins Unbegriffliche, Assoziative, wird also nicht konkret, sondern (auch motivlich) vage: die Landschaften und Lichtungen sind ja nur alludiert, keineswegs naturalistisch – alles ist hier vollkommen irreal, und doch somnambul mimetisch - ganz so, wie die Stadt natürlich keine topografisch korrekte oder gar vedutenhaft identifizierbare ist, sondern wiederum nur gefühlte. Buchstäblich illustriert wird in Sonntags letzten Arbeiten Nagelprobe und Mysterium jeglicher Kulturphilosophie seit Cassirer: Vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen Ausdruck. Dies führt unweigerlich zur Metaphysik, was heute niemanden mehr beunruhigen muss. „Metaphysik ist Kunstsache!“ (Wyss 2007: 157) – vielleicht sogar eine ihrer letzten Reservate. Dennoch ist die Arbeit nicht getan, solange die Sache nicht auf den Begriff gebracht wird. Er lautet: filigranes Phantasma. Feminin? Ein wenig. Dass Sonntags Kunst im Begriff nicht aufgeht, ist klar, wir bräuchten sie sonst nicht, das Gezeigte, Präsentierte ist natürlich ästhetisch überschüssig, Wittgenstein-Referenzen verkneife ich mir, Heideggersche auch. Nicht aber Folgendes: „Bilder sind hiernach sinnlich fixierte Visionen, Kinder unserer beseelenden Energie, Dokumente eines primären Animismus, ohne den der homo sapiens den Schritt vom Sinnlichen zum Sinnigen nicht hätte vollziehen können“ (Hogrebe 2000: 228). So befindet sich Sonntag fraglos in bester Gesellschaft und Tradition, zumal wir ihre Variation dreier ästhetischer Grundbegriffe der Moderne nun eingesammelt haben: modale Ereigniskategorie des Phantasmas, semantische Ambiguität, motivliche Vagheit.

Es bleibt dabei, Kunst ist ein Ensemble „of master keys for opening the mysterious locks of our senses to which only nature herself originally held the key“ (Gombrich 1961: 359), vom Altmeister der wahrnehmungspsychologisch orientierten Kunsthistorie bis zur neueren Kultursoziologie, die an den nur auf den ersten Blick trivial anmutenden Umstand erinnert, dass wir ohne ästhetische Erfahrung wohl nur unzulänglich imstande wären, unsere Emotionen objektivierend zu modellieren: „Die Kunst [...] sagt uns, was wir empfinden. Nur durch die künstlerische Evokation werden unsere Gefühle zur greifbaren Gestalt, zur kommunikativen Realität“ (Hahn 2000: 434). Sonntag hat gerade vorgeführt, wie das geht. Hier aber wollen wir bauen.

Ingo Meyer, 24.9.09

 

Adorno, Theodor W., 1973, Ästhetische Theorie (1970), hg. v. R. Tiedemann u. G. Adorno, FfM;
- ders., 1975, Negative Dialektik (1966), FfM;
Baumeister, Willi, 1960, Das Unbekannte in der Kunst (1947), Vorw. v. O. Bihalij-Merin, zweite Aufl., Köln;
Boehm, Gottfried, 2007, Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens, Berlin;
Gombrich, Ernst H., 1961, Art and Illusion. Studies in the Psychology of the Representational Arts, zweite Aufl., Princeton;
Grasskamp, Walter, 2008, Gespräche mit Bernd Zimmer, München;
Hahn, Alois, 2000, Konstruktionen des Selbst, der Welt und der Geschichte. Aufsätze zur Kultursoziologie, FfM;
Hogrebe, Wolfram, 2000, „Mimesis und Mimik. Bildprobleme der Moderne“, in: Die Zukunft des Wissens. XVIII. Kongreß für Philosophie Konstanz, 4.-8. Oktober 1999, hg. v. J. Mittelstraß, Berlin, 218-232;
Meyer, Ingo, 2009, „Alexandra Sonntag, Bevorzugte Landschaft. Aquarelle 2008“, Handout zum Jour fixe des Bielefelder Kunstvereins e.V./Atelierbesuch 26. Februar, Ms. Bielefeld;
Seel, Martin, 2000, Ästhetik des Erscheinens, München;
Wiesing, Lambert, 2006, Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes, FfM;
Wyss, Beat, 2007, Die Wiederkehr des Neuen, Nachw. v. Silke Walther, Hamburg